EU-Parlament… barrierefrei?

September 15, 2005 on 8:13 pm | In Barrierefrei & WAI |

Auf dem HTML- und CSS-Niveau einer mittelklassigen Agentur im Jahr 2002 hat im September 2005 die Europäische Union, genauer gesagt das Parlament der Europäischen Union (EU) einen runderneuerten Webauftritt präsentiert. Der Blick auf die Seite macht genauso wie der Blick in den Valdiator sicher, dass jene Institution die den Aktionsplan eEurope 2002 verabschiedet hat, sich selbst keinesfalls an diesen hält.

Der Aktionsplan “eEurope 2002″, der im Jahr 2002 vom Europäischen Rat beschlossen worden ist, sähe eigentlich vor, dass öffentliche Einrichtungen in der EU ihre Internetauftritte als barrierefreie Webseiten zu gestalten haben. Der Auftrag erging dann anschließend an die nationalen Parlamente diese Vorlage in die jeweiligen nationalen Gesetze zu übertragen. Während Deutschland im Rahmen der BITV per 1. 1. 2005 eine solche Verordnung für seine öffentlichen Einrichtungen vorgesehen hat, hinkt Österreich in dieser Frage ein wenig nach und hat im Rahmen des eGov-Gesetz § 3 festgelegt, dass die WAI-Kriterien, die im Rahmen des Aktionsplans empfohlen werden, per 1. 1. 2008 umzusetzen sind.

Enttäuschend ist daher umso mehr, dass die Europäische Union mit ihrer neuen Parlaments-Website ausgesprochen daneben gegriffen hat. Wie der Blick auf den Validator zeigt sind alleine auf der Startseite der deutschen Version rund 50 Fehler zu vermelden. Die Seite sollte - warum auch immer - XHTML 1.0 Transitional sein.

Anzeige der Tabellenzellen auf der Startseite des EU-Parlaments, blaue Linien markieren die Tabellenzellen, 2005-09-15 rv Das Layout wurde in Tabellen gebastelt, HTML-Code, der nicht nötig gewesen wäre ist en Masse vorhanden und die Qualität des Codes läßt an vielen Ecken und Enden zu Wünschen übrig. Wirklich bedenklich dagegen ist die Tatsache, dass im September 2005 eine der wichtigsten Seiten der EU noch mit einem tabellenbasierenden Layout herausgegeben wird. Während die Startseite des Portals (hier ist lediglich die Sprachauswahl zu finden) den Validator-Test besteht gibt zumindest ein Blick auf die “Table Cells Outlined” einen Einblick in die primitive Programmiermethode.

Weiters fragt sich das geschulte HTML-Coder-Auge was denn damit bezweckt wird, wenn einzelne HTML-Tags Attribute erhalten, die es in der Spezifikation nicht gibt. Als Beispiel sei hier von der deutschsprachigen Startseite des EU-Parlaments sei hier die Zeile 102 erwähnt: <a alt=”Präsident” href=”/president/”><img title… Der “A”-Tag mit dem Attribut “ALT” als “Alternativtext für einen Link” kann in dieser Form nicht ganz ernst gemeint sein.

Es stellt sich die Frage, wie ernst die restlichen Institutionen in den einzelnen Ländern und in der Europäischen Union die Anregung des Aktionsplans eEurope 2002 nehmen werden sich an die WAI-Kriterien zu halten, wenn das EU-Parlament eine solch desaströse Vorgabe liefert und diese noch dazu aktuell Online gebracht hat. Sprachliche und visuelle Barrieren baut das EU-Parlament mit seiner nicht barrierefreien Internetseite noch sehr viele auf. Beginnen könnte man an dieser Stelle mit der korrekten “natürlichen Sprache” in den einzelnen Fällen und somit müßte auf der deutschsprachigen Seite auch der “EU Bookshop” mit ‘lang=”en”‘ ausgezeichnet werden, damit dieser auch korrekt interpretiert werden kann. Die Tatsache, dass alle Buttons (!) in jeweils einer eigenen Tabelle mit jeweils einer Zeile und einer Spalte enthalten sind, statt diese vernünftig und standardkonform mit Hilfe von CSS zu layoutieren, rundet das technisch und umsetzungsmäßig desaströse Bild des EU-Parlaments noch ab.

Eine Anmerkung am Rande: Die Alternativ-Texte zu den Bildern sind größtenteils vorhanden, mit entsprechender Braille-Software ist die Seite sicher zu lesen, aber für die wesentlich größere Gruppe der sehbehinderten Menschen hat die EU und das Parlament enttäuschend wenig getan. Auch Steuereinheiten zur Veränderung von Kontrast und Größe im rahmen einer barrierefreien Webumsetzung bleiben vermisst. Diese Steuereinheiten / Farb- und Größenpanels gehören zwar nicht zum WAI-Standard, sind aber inzwischen eine anerkannte Form von Nutzerunterstützung für Menschen mit Sehbehinderungen. Die am Beginn der Seite angebrachte Sprungmarke “Datei öffnen” die zum jeweiligen Inhalt der Seite führt, ist wohl nur schlecht übersetzt worden und hätte wohl eher “zum Inhalt” oder “Navigation überspringen” heißen sollen. Dazu bleibt zu sagen, dass das wohl der einzige ernsthafte Gedanke in Richtung “Barrierefreie Webseite” gewesen ist, den man beim EU-Parlament gehabt hat.

Die Seite hält sich weder in erster, zweiter noch in dritter Priorität an die Zugangsrichtlinien laut WAI-Vorgaben und es wurde offenbar auch das Ziel nicht verfolgt, man hat in die entgegengesetzte Richtung gearbeitet und Dinge eingebaut, die eben schon bei Nichtbeachtung der WAI-Richtlinien nicht mehr gemacht würden, dazu eingestimmt dieses Zitat von der neuen Interentseite des EU-Parlaments:

Hält die neue Website die WAI-Standards (Web accessibility initiative) ein?
In Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Europäischen Rates von Lissabon im Jahr 2002 bemüht sich unsere Website, die WAI-Standards einzuhalten, die behinderten Personen einen komfortablen Zugang ermöglichen sollen. Die WAI-Standards wurden bei diesem Projekt bereits im Vorfeld berücksichtigt. Sie müssen für die Gestalterteams zur Selbstverständlichkeit werden, indem beispielsweise den dargestellten Bildern automatisch eine Beschreibung beigefügt wird. Um das Navigieren weiter zu erleichtern, prüfen wir die Möglichkeit, eine Version ins Netz zu stellen, die ausschließlich in WAI erarbeitet ist.

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